Auswertung der Reihe zur Kritik des Antisemitismus und Antizionismus im Café Négation

Auch wenn es eventuell nicht so stringent wirkte, wie es geplant war, haben wir uns in den letzten vier Monaten mit der Kritik am Antisemitismus und Antizionismus auseinander gesetzt. Um uns diesem Themenkomplex zu nähern begannen wir zunächst im Oktober 2011 damit den Dokumentarfilm Shoah von Claude Lanzmann gemeinsam zu schauen. Der ergreifende Film warf viele Aspekte auf, welche in den folgenden Monaten wieder aufgegriffen wurden, wie zum Beispiel Holocaust und deutsche Schuld oder die Besonderheiten des modernen Antisemitismus.
Im folgenden findet ihr nun Auswertungen der einzelnen Veranstaltungen.

“(…) das Gerücht über die Juden.” Eine Einführung zum Antisemitismus

Die Einführungsveranstaltung zum Thema Antisemitismus im November befasste sich mit der historischen Genese vom Antijudaismus bis hin zum modernen Antisemitismus.
Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus begann die Ausgrenzung der Juden. Den Kernpunkt bildete die Abspaltung des Christentums vom Judentum. Die fortschreitende Verflechtung von weltlichen und geistlichen Elementen erleichterte den Christen die Separierung der Juden von der Gesellschaft. Dies spiegelt sich beispielsweise in ihrer Berufstätigkeit wider; Juden und Jüdinnen durften sich nicht in Zünften organisieren, doch wurde ihnen der „teuflische“ Handel mit Geld erlaubt, was zukünftig als tragendes Element der Antisemiten dient.
Gegen Ende des Mittelalters sorgte besonders Martin Luther für den Fortbestand des Antijudaismus. Er forderte ein Religionsverbot, Arbeitszwang und die Vertreibung von Juden und Jüdinnen. Des Weiteren führte er die Möglichkeit einer Umtaufung ein. Juden und Jüdinnen sollten so ihrem Leid entfliehen können und wieder Teil der Gesellschaft werden. Doch wurde dieses Mittel kaum genutzt, nur unter Zwang fanden Umtaufungen statt.
Bis zur Aufklärung war das Weltbild der Menschen ergo von der Religion geprägt, doch mit Einsetzen der Industrialisierung wandelte sich das Bild. Es setzten sich vermehrt kapitalistische Verhältnisse durch. Als Folge bildete sich der moderne Nationalstaat mit politischen Handlungsrahmen als Basis für die kapitalistische Produktionsweise.
Doch trotz eines Umbruches des Weltbildes wurde der Judenhass in eine neue Form tradiert. Der Umschwung vom Antijudaismus zum Antisemitismus wurde nach und nach vollzogen. Die Judenfrage wurde zur sozialen Frage, die Angehörigen des Judentums wurden nun als Rasse bezeichnet, ein Ausbruch aus dem gesellschaftlichen Elend durch Umtaufung war nun nicht mehr möglich.
Die negativen Eigenschaften des Kapitalismus wurden den Juden und Jüdinnen zugeschrieben, da sie im falschen Weltbild der Antisemiten die Herrscher des Geldes waren. Im Nationalsozialismus spitzte sich die Judenfeindlichkeit bekanntermaßen erheblich zu. Laut NS-Ideologie würde der Jude raffende kapitalistische Arbeit, der Deutsche hingegen schaffende, ehrliche und gute Arbeit vollbringen. Der Jude als abstrakt unbeherrschbares kann aus Sicht der Nationalsozialisten nur durch Vernichtung beseitigt werden.
Die Referentin führte weiter aus, dass der moderne Antisemitismus nach der Shoah zum globalen Phänomen geworden ist. Doch ist er oft nicht offensichtlich aggressiv, sondern eher subtil.
Sehr kritisch zu betrachten seien besonders islamistische Regime wie der Iran, welche fortwährend die Existenz Israels gefährden, betonte die Referentin am Ende des Vortrags.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass wie schon Adorno und Horkheimer feststellten, der Antisemitismus auf einer falschen Projektion basiert, dass der Antisemit versucht das Abstrakte zu personalisieren und dies auf den Juden überträgt und er somit zum allgegenwärtigen Feindbild avanciert, welches nur durch Vernichtung zu bewältigen ist.

Kritik des (linken) Antizionismus

Am 18.12.2011 war der Historiker Olaf Kistenmacher aus Hamburg im Cafe Negation zu Gast und hielt einen Vortrag zur Thematik des linken Antizionismus.
Neben der allgemeinen Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit des Antizionismus, widerspricht Kistenmacher der Annahme, dass sich ein genuiner linker Antizionismus erst nach 1945, mit Zerschlagung des Nationalsozialismus, in der deutschen Linken entwickeln konnte.
Er kritisiert, dass der linke Antizionismus, unter anderem der des antiimperialistischen und globalisierungskritischen Teils, entgegen der allgemeinen Auffassung nicht allein durch einen „sekundären Antisemitismus“ oder einem „Schuldabwehrantisemitismus“ begründbar ist. Der sekundäre Antisemitismus, so Kistenmacher, den Gedanken Adornos folgend,
ist ein Produkt abgewehrter Schuldgefühle, die bei der Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis entstehen und dann auf JüdInnen und den jüdischen Staat projiziert werden.
Diese anerkannte Ursache des Antizionismus ergänzt Kistenmacher mit historischen Befunden. Seine These lautet, dass die Feindschaft gegen die Idee des Judenstaates auch bereits seit Anfang des 20.Jahrhunderts ein Element linken Movens gewesen sei: Schon in den 1920er Jahren setzten KommunistInnen Zionismus mit Nationalsozialismus gleich. Das Programm der KommunistInnen, welches JüdInnen mit dem Kapital identifizierte, so wie es auch die Nazis taten, legte einen Antisemitismus an den Tag, welcher auch die zionistische Bewegung angriff. Schuldabwehr ist nach Kistenmacher somit nicht allein der Antrieb eines linken Antizionismus.
Wie zu Beginn des Vortrags angekündigt, ist in der Phase 2 (Nr.41) ein Artikel von Olaf Kistenmacher zum gleichen Thema veröffentlicht worden.

Antisemitismus in der DDR

Mit dem Referat „Juden in der DDR– zwischen Toleranz, Ignoranz und Repression“ bildete Johanna Stoll, Mitarbeiterin des Hatikva e.V., im Januar den Abschluss der Reihe zur Kritik des Antisemitismus.
Der Vortrag war konzipiert sich der Frage zu widmen, ob und inwiefern Juden und Jüdinnen in der DDR explizitem und strukturellem Antisemitismus ausgesetzt waren, wie das Verhältnis der DDR zu Israel war und welche Einflüsse diese Situation auf die jüdische Gemeinde in Dresden hatte.
Zum Einstieg präsentierte Johanna einen historischen Abriss über die Lage der Juden in der Sowjetunion nach ’45 und ging dabei bspw. auf die stalinistischen Säuberungswellen von 1948 bis 1953 ein, in denen antisemitische Motive aufgegriffen und Juden und Jüdinnen als „wurzellose Kosmopoliten“ marginalisiert wurden.
Dies führte sie zu der These, dass das Verhältnis zu den in der DDR lebenden Juden maßgeblich durch die politische Haltung der SU mitgeprägt wurde.
Ausschlaggebend waren dabei die zugeschriebenen Differenzierungen in „Opfer des Faschismus“ und „Kämpfer gegen den Faschismus“. Jüdische Menschen konnten dabei „nur“ in die Kategorie der Opfer fallen, was sich nicht unwesentlich in deren Rentenzusprüchen bemerkbar machte.
Entschädigungszahlungen bekamen jüdische Privatpersonen mit Wohnsitz in der SBZ bzw. DDR, „Wiedergutmachungen“ für die Enteignungen jüdische Unternehmen wurden jedoch verweigert.„Wir (lassen) uns […] nicht von jenen erpressen, die uns mit dem heuchlerischen Gerede irgendwelcher besonderer Beziehungen zwischen Juden und Deutschen kommen. Ein „schuldbeladenes Gewissen“ ist „für die DDR […] längst gegenstandslos geworden.“ (Thomas Haurry: Die DDR und der „Aggressorstaat Israel)
Dieses Zitat kennzeichnete wohl ziemlich genau die Verantwortungshaltung, welche die DDR Regierung dem Staat Israel entgegnete.
Ab 1950 war die Politik der DDR maßgeblich von antizionistischen Haltungen und Handlungen gekennzeichnet, was zum Beispiel in der, unter den Ostblockstaaten in der DDR am stärksten ausgeprägtesten, Unterstützung der PLO in allen Hinsichten, zum Ausdruck kam.
Auch als souveräner Staat fand Israel keine Anerkennung, man sprach hier nur von einem „zionistischen Gebilde“.
Kurz: Hier lässt sich klar und deutlich das 3-D Modell von Dämonisierung, Delegitimation und das Messen in doppelten Standards anwenden. D.h. also, die DDR war offen und erhobenen Hauptes antizionistisch, eine Form des Antisemitismus. Gerade auch, weil der Begriff “Zionist” als ein Art begrifflicher Ersatz für “Jude” in der DDR eingesetzt wurde, wie sich rund um die Aufzeichnungen der Slansky-Prozesse zeigt: “Das Wort Jude ist eine Beschimpfung. Deshalb schreiben wir “Zionist”. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass “Zionist” eine politische Bezeichnung ist. Er erwidert, das sei nicht wahr, und übrigens seien dies die Weisungen, die er erhalten habe.“(Arthur London, Ich gestehe. Der Prozess um Rudolf Slansky, Hamburg 1970)
Die Slansky-Prozesse und Alltagsantisemitismus in der DDR kamen jedoch bei Johanna nur marginal zum Ausdruck.
Das Fazit, welches Johanna zog, beinhaltete die Feststellung, dass es an Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Shoah und deutscher Schuld in der DDR mangelte und dass die Politik der DDR klar von einer stark ausgeprägten antizionistischen Haltung geprägt war.
Obwohl der Titel dieses Referates vermuten lässt, dass es sich hierbei um deutlichen Antisemitismus handelte, charakterisierte sie die Haltung gegenüber Juden und Jüdinnen, welche in der DDR lebten, eher als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit anstatt als expliziten Antisemitismus, da dieser nicht als kohärent zu jenem in Nazideutschland aufzufassen sei.
Neue Begrifflichkeiten müssten also her.
Inwiefern nun Antizionismus als Form des Antisemitismus gewertet werden kann, lässt sich mit Sicherheit streiten. (Ein Mitschnitt ist diesmal leider fehlgeschlagen.)

Literaturhinweise:

Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende der jüdischen Weltverschwörung. Beck, München 2007
Ephraim Carlebach Stiftung. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung: „Antisemitismus in Sachsen im 19. und 20. Jahrhundert“, ddp goldenbogen, Dresden 2004
Eschwege, Helmut: Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR. Eigenverlag 1989
Frindte, Wolfgang: Inszenierter Antisemitismus. Eine Streitschrift; Wiesbaden 2006
Goschler, Constantin/ Lillteicher, Jürgen (Hg.): „Arisierung und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989“, Wallstein Verlag
Kessler Mario: „Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967“, Akademie Verlag
Voigt, Sebastian: Das Verhältnis der DDR zu Israel, bpb 2008