Café im Mai

Im Mai referiert Lars Quadfasel im Café Négation zur Kritik von Religion und Religionskritik. Wie gewohnt ab 15 Uhr in der Robert-Matzke-Straße 16.

Der heilige Schein des Kapitals

Kritik der Religion hat es im Spätkapitalismus mit einem Paradox zu tun: Die Kirchen, einst Herrn über Könige und Kaiser, sind zum Hilfsinstitut für Seelenhygiene herabgestürzt. Ihre Dome wurden zu Touristenattraktionen, ihre Prediger zu Showmastern, ihr Papst zum österlichen Grußaugust. Und doch scheint Gott sich als sentimentales Andenken an frommere Tage pudelwohl zu fühlen. Widerlegt, erledigt und entmachtet, hat sich die Religion mit ihrem Sturz nicht bloß arrangiert, sondern daraus neue Kraft geschöpft. Als Sinnressource für die besonderen Momente profitiert sie vom Tabu, dass niemand über die privaten Feierabendvergnügen anderer zu spotten hat. Wer es dennoch tut, erfährt schnell, dass auch ein Wellnessgott alles andere als gemütlich ist.
Spätestens seit dem weltweiten Erfolg der islamischen Glaubensoffensive gelten auch im Westen »religiöse Gefühle« wieder als schützenswertes Gut: Woran einer glaube, und sei es an Djihad, Scharia und Frauenhass, verdiene allemal Respekt. Seither verzeichnen auch die christlich-kulturindustriellen Gottesspektakel wieder Zuschauerrekorde; und wer es statt der eingeborenen Kulte lieber etwas exotischer hat, jubelt einem abgesetzten tibetanischen Feudalherrn zu. Aus dem zwanghaften Drang, an irgend etwas zu glauben, spricht freilich nichs als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: nach unbedingter Autorität. Adorno nannte derartige Pseudoreligiosität, die von Blasphemie kaum zu unterscheiden ist, den »ungeglaubten Glauben«.

Dessen Bedeutung verfehlt die Mehrzahl derer, die lautstark gegen Kirchentage und Papstbesuche mobil machen. Antiklerikale Aktivisten inszenieren sich als militante Vorhut des allgemeinen Common Sense, während ihre intellektuellen Stichwortgeber, Christopher Hitchens oder Richard Dawkins, den Heiligen Schriften Fehler nachweisen und dabei Religion einmal mehr auf Priestertrug reduzieren. Deren Positivismus stößt sich an dem theologischen Dogma, dass das, was ist, nicht alles ist: an genau dem unbedingten Wahrheitsanspruch also, den der Materialismus zu retten hätte – vor ungläubigen Pfaffen wie vor gläubigen Atheisten.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und schreibt u. a. für konkret, Jungle World und das Bremer Extrablatt. Seine Aufsätze zu »Buffy the Vampire Slayer« sind soeben im Sammelband »Horror als Alltag« im Verbrecher Verlag erschienen.

siehe auch:

Gottes Spektakel, Zur Metakritik von Religion und Religionskritik
Epilog: Der postmoderne Apostel
1. Teil: Aspekte des ungeglaubten Glaubens, oder:
Der heilige Schein des Kapitals

2. Teil: Liquidation Gottes, Rettung der Theologie


4 Antworten auf „Café im Mai“


  1. 1 farfalla 04. Mai 2011 um 15:10 Uhr

    In der aktuellen Bahamas ist auch ein sehr spannender Artikel mit direktem Bezug zum neuen Atheismus:
    „Nicht die Parteinahme für die bedrängte Kreatur ist es, die die heutigen Religionskritiker antreibt, sondern sie wollen ihr den Seufzer, als den Marx einmal die Religion bestimmte, austreiben.“

    Artikel: Religionskritik und Ressentiment. Die Austreibung der Transzendenz wider alle Vernunft.
    http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web61-2.html

  1. 1 09.05.2011 « montag’s auf ’s coloRadio’s Pingback am 09. Mai 2011 um 18:51 Uhr
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